Wie man sich bettet… oder: ein Doppelbett im Eigenbau

Vor etwas mehr als fünf Jahren stand unser Umzug in die Schweiz an. Und da wir nicht wussten, was kommen würde, wollten wir Geld sparen. Ein Bett brauchten wir als frisch verheiratetes Ehepaar aber trotzdem, wir wollten nicht das klapprige Gestell aus meinem Zimmer und Sonjas ehemaliges Kinderbett weiter benutzen. Schöne Betten sind eben teuer, vor allem solche aus Kiefermassivholz, wie uns eines vorschwebte.

Andererseits wollte sich Sonja auch nicht von ihrem alten Bett trennen. Also wurde es auseinandergeschraubt (war für den Umzug sowieso notwendig) und erstmal im Keller eingelagert. Die ersten paar Tage schliefen wir auf der Matratze direkt auf dem Boden, wie zu Anfang des Studiums. Dann wollte ich losziehen und Material für ein Bett im Eigenbau besorgen. Die Höhe sollte wie bei Sonjas altem Bett so hoch sein, dass nicht nur eine Bettschublade drunter passt, sondern auch grössere Sachen.

Die nächsten Tage brachten die ernüchternde Erkenntnis, dass auch in Schweizer Baumärkten hauptsächlich Holz aus Polen oder Tschechien angeboten wird, allerdings vergoldet – zumindest preislich. Als wir bei IKEA nach möglichen preiswerten Bett-Varianten suchten (und dabei realisierten, dass auch IKEA in der Schweiz teurer ist als in Deutschland), stiessen wir in der Arbeitszimmer-Sektion auf ausgesprochen günstig abzugebende Ecktischplatten aus verleimter Weisstanne. Die hatten zwar auf der einen Seite eingefräste Furchen, waren aber sonst sehr schön und hatten genau die richtige Grösse. Sonjas altes Bett steuerte die senkrechten Teile am Fussende bei und die Längsstücke wurden aus Blockleimholzbalken gefertigt. Die hatte ich mir gewünscht, ich mag das Aussehen.

Sehr schnell wurde beim Planen klar, dass ein paar Hindernisse umschifft werden mussten. Die Lattenroste mussten irgendwo aufliegen, dazu wurden schmale Leisten angeschraubt. Bei denen musste auf die richtige Reihenfolge beim Schrauben geachtet werden, damit von aussen nichts sichtbar war. Der mittlere Längsbalken erwies sich als zu schwach und musste mit einem zusätzlichen Balken und drei Stützen stabilisiert werden, die wir – als Provisorium – auf Pappstücke stellten, damit sie nicht in den PVC-Boden einschneiden. (Aus dem –sorium ist mittlerweile ein –durium geworden. Wenn ich das Thema anspreche, meint Sonja todsicher: “Aber es geht doch so ganz gut, warum willst du was dran machen?” Der Mitteleuropäer ist halt nicht an Pappe als dauerhaften Werkstoff gewöhnt, auch wenn es mittlerweile ganze Häuser daraus gibt.)

Dann wollte ich gerne die Holzplatten für das Kopfende geschwungen zusägen und die Kanten gerundet abfräsen. Eine alte Bosch-Oberfräse mit 15 Jahren auf dem Buckel hatte mein Schwiegervater uns dauerleihweise überlassen. Den passenden Fräskopf und das Futter musste ich dazukaufen und kam wieder an meine Grenzen – nicht finanziell, sondern was das Akzeptieren der Schweizer Preise angeht.

Dazu eine kleine Randnotiz: Bisher war von den Preisen für Möbel, Holz und Werkzeug die Rede. Andere Anschaffungen waren nebenher natürlich auch notwendig. Es mag dem deutschen Staatsbürger komisch bis absurd vorkommen, aber in der Schweiz scheinen auch Kunststoffgegenstände nach wie vor etwas Tolles, Neues und Wertvolles zu sein. Ein Müll- oder Putzeimer, in Deutschland für ein bis zwei Euro zu haben, kostet hier schnell mal zehn Franken. Aufbewahrungsboxen, in deutschen Landen für fünf Euro zu haben, erzielen hier zwanzig Franken und mehr. Ähnliches gilt für Schreibtischablagen. Nun sind sie das aus chemischer Sicht definitiv keine Fantasiepreise, Polypropylen und andere Gebrauchskunststoffe werden aus Erdöl gemacht, das eigentlich – thermodynamisch betrachtet – nicht mit Gold aufzuwiegen sein dürfte. Nur sind das keine marktwirksamen Argumente. Der Umweltschutz kann auch nicht dahinterstehen, die Schweizer Müllverbrennungsanlagen sind immer froh um Müll, der auch tatsächlich brennt. Der Grund ist, einem Schweizer Kollegen zufolge, ein ganz anderer: Schweizer Hersteller zahlen für die Anschaffung einer Spritzgussmaschine etwa gleich viel wie deutsche, nämlich immens viel, stellen die Teile aber für eine Bevölkerung her, deren Kaufkraft ein Vielfaches, deren Anzahl aber nur ein Zehntel der Deutschen beträgt. Also zahlt ein Schweizer etwa zehnmal so viel für ein Kunststoffteil wie ein Deutscher. OK, nicht ganz so viel. Und warum die Preise für im Ausland gefertigte Teile ebenso unsinnig hoch sind, konnte mir bisher keiner erklären.

Eigentlich ging es ja um die Oberfräse. Das gute Stück, auch in der Schweiz gefertigt (und in guter Qualität), hatte seine Eigenheiten. Die Kohlebürsten waren ziemlich hinüber, das Anlaufen ging nicht mehr so gut und kraftseitig ist “schwachbrüstig” vermutlich der angemessene Terminus. Der Knauf zum Einstellen der Höhe war ausgeleiert. Entsprechend verlief auch das Fräsen: Nach dem Einschalten musste der obere Teil gewaltsam gebogen werden, bis ein Kontakt im Inneren funkensprühend den Motor aktivierte. Nur millimeterweise konnte das Holz abgetragen werden, weil die Fräse sonst sofort stehenblieb und erneut die gleiche Einschaltprozedur fällig war. Es war ein stetes Balancieren zwischen gar keinem Fortschritt und sehr ruckhaftem. Entsprechend gingen die Arbeiten nicht sehr zügig voran und die schwärzlich verbrannten Stellen, wo der Fräskopf zu schnell ans Holz gekommen war, häuften sich. Hier lernte ich, was es heisst, längs und quer zur Faserrichtung zu fräsen. Längs geht einfach, aber man reisst immer wieder lange Späne ab und muss genau überlegen, in welcher Richtung man die Fräse führt; quer geht schwer und das Holz verbrennt leicht. Bei einer wechselnd geleimten Platte keine einfache Sache…

Dazu kam ein Problem, mit dem wir vorher nicht gerechnet hatten: Der Werkkeller der Siedlung befand sich direkt unter der Wohnung einer alten Dame, die nicht nur peinlich genau auf die Einhaltung der Ruhezeiten achtete (nicht mehr nach 20 Uhr fräsen!), sondern diese auch gelegentlich zu ihren Gunsten ausdehnte. Einmal stand sie um 19 Uhr schon in der Tür, weil sie die Nachrichten sehen wollte und sich durch meinen Lärm gestört fühlte. Wir beide hatten nicht den besten Start miteinander…

Schliesslich war der Werkkeller-Teil aber trotz Nachbarin, Holz, Oberfräse und knapper Zeit abgeschlossen und es ging ans Zusammenschrauben. Ich wollte kein “IKEA-Phänomen”, wo nach zweimaliger Montage keine dritte mehr denkbar ist, weil die Löcher und Schrauben (meist aus Alu) ausgeleiert sind. Es sollten hochwertige Beschläge dran, wo immer möglich. Also wurde wieder eingekauft – diesmal bei einem deutschen Handwerkerversand. Leider versendet er nicht in die Schweiz, aber ich weiss auch, warum… dazu ein andermal mehr.

Ein Doppelbett ist sperrig. Im Schlafzimmer wollten wir schlafen, dort lagen die Matratzen herum und aus falsch verstandener Bequemlichkeit verzichteten wir darauf, sie erst rauszuholen. Stattdessen wurde das Bett eine ganze Woche lang schrittweise immer abends im Arbeits- und Esszimmer aufgebaut. Mangels Akkuschrauber musste die Bohrmaschine herhalten. Zwei Stunden lang wurde gebohrt, geschraubt, ausgerichtet und nachgeschmirgelt, bis das Bett im Grundgerüst stand. (Hätte man vielleicht besser im Werkkeller gemacht…)

P1000796Nun ist unsere Wohnung zwischen Ess- und Schlafzimmer recht eng. Man hätte durch Nachdenken auch vorher drauf kommen können, dass ein zwei mal zwei Meter grosses Bett mit langen Kopf- und Fussteilen nicht durch eine normalgrosse Tür geht, geschweige denn in einem Winkel, den der Flur dazwischen erlaubt hätte. Also wurde das Bett wieder demontiert und ins Schlafzimmer “gefädelt”…

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P1000800Bei allen Schwierigkeiten hat es sich definitiv gelohnt. Wir sind immer wieder hochzufrieden über die Details, die wir uns damals gewünscht und einfach eingebaut haben. Es gibt kein uns bekanntes käufliches Bett, dass unsere Ansprüche so gut erfüllen würde – und finanziell war es definitiv lohnend. Die Kosten für alles zusammen lagen bei etwa 200-250 Franken. Käufliche Betten aus vergleichbarem Material fangen beim Zehnfachen an. Es knarzt nicht mehr als jedes andere Holzbett dieser Grösse und ist für uns wirklich etwas Besonderes.

* Verbindung Längsbalken-Kopf-/Fussteil: Möbelschrauben mit Innensechskant und Zylindermuttern; Fixierung der Leisten an den Seitenteilen: Spax-Schrauben, weil sie nicht wieder entfernt werden müssen; Verbindung der Mittelbalken: Spax-Schrauben, aus demselben Grund

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